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18.06.2020 | Wie ein Pirat im Goldrausch...

(ga)  Gießener Anzeiger 18.06.2020
Der Ballermann öffnet sich für Touristen, die Sporthalle der Ricarda-Huch-Schule für Tischtennisspieler-
unser Redakteur Karsten Zipp im Selbstversuch.

Von Karsten Zipp

GIESSEN. Abends um halb acht in Gießen. Die Frisur sitzt. Was auch immer ich nach einer Radfahrt so als Frisur bezeichne. Stehe vor der Sporthalle der Ricarda-Huch-Schule im Asterweg. Fühle mich wie vor dem ersten Schultag. Was natürlich quatsch ist. Will ja nur zum ersten Corona-Training bei der Tischtennis-Abteilung von Grün-Weiß. Grün-Weiß war schließlich mal der Polizei-Verein. Da sollten Regeln großgeschrieben werden, auch wenn Grün-Weiß rein farblich heutzutage wohl Blau-Weiß heißen müsste. Aber egal.
Habe mich über die Whats-App-Gruppe und ein Internet-Formular für das allererste Training nach der Viren verschleuderten Auszeit angemeldet. Mein erstes Training nach fast vier Jahren persönlicher Auszeit übrigens. Weiß nicht, was mich erwartet. Corona technisch gesehen sowieso. Aber Spielstärke technisch gesehen ebenso. Nach vier Jahren könnte der Topspin tatsächlich zum kaum buchstabierfähigen Fremdwort mutiert sein.
Aber egal. Geht ja um Corona-Regeln im Praxis-Test. Der erste Praxis-Test geht schon mal komplett schief. Betrete die Halle und werde von junger Frau und jungem Mann mit Mundschutz kritisch beäugt. Könnte daran liegen, dass die beiden mich noch nie gesehen haben. Vermutlich neue Vereinsmitglieder. Könnte aber auch daran liegen, dass ich eine schwarze Trainingshose, eine schwarze Trainingsjacke und einen schwarzen Mundschutz mit St. Pauli-Totenkopf-Zeichen trage. Sehe vermutlich aus wie ein Kerl, der gerade die Goldvorräte der Volksbank Mittelhessen oder die Vorzugsaktien der Sparkasse Gießen rauben will. Würde mir selbst nicht trauen, aber alles zutrauen. Versuche unter dem Piraten-Mundschutz gewinnbringend zu lächeln. Sieht vermutlich aus wie eine windschiefe Piraten-Grimasse. Stoße weiterhin auf Skepsis bei dem Duo, das mit dem Desinfizieren von Tischtennis-Bällen beschäftigt ist. Zum Glück kommt Wolfgang um die Ecke.
Wolfgang Orth kenne ich. Das ist der stellvertretende Abteilungsleiter. Atme auf. Soweit das mit Mundschutz eben geht. Das mit dem Spielen sollte klappen. Musste mich eine Woche zuvor auf einem virtuellen Plan eintragen. Spielzeit von 19.45 bis 20.45 Uhr, Tisch Nummer 4, Trainingspartner: der Wolfgang. Alles wird exakt dokumentiert. Sechs Tische dürfen aufgestellt werden. Nach der ersten Trainingsgruppe folgt von 20.45 bis 21.45 Uhr die zweite. Tischtennis als Behördengang mit Antragsformular und Wartenummer. Höre fast schon die schneidende Stimme einer bitterernsten Sachbearbeiterin: "Haben Sie auch alle Unterlagen dabei? Geburtsurkunde, die sieben Scheidungspapiere und ihren persönlichen Müllabfahrtsplan?" Quatsch. Muss ernst bleiben.

Ernst ist das Stichwort. Denn jetzt werden die Platten aufgebaut. Genau mit Abstand. Genau mit den richtig postierten Abtrennungen dazwischen und genau mit einer Flasche Desinfektionsmittel, einer Rolle Zewa und einem Müllbeutel. Das alles hat Wolfgang eingekauft , der als Hygienebeaufragter fungiert. Kein Job, um den sich jemand so richtig wild reißt. Eine Job-Bezeichnung, die vor sechs Monaten höchstens einem Kabarettisten eingefallen wäre. Hygiene-Manager würde allerdings besser klingen. Oder Hygiene-Account-Facility-General-Director? Egal. Am Ende ist das ein Job, der mit richtig viel Aufwand verbunden ist. Wie viele Stunden Wolfgang Orth mit der Vorbereitung des ersten Trainings zugebracht hat, kann er selbst nicht sagen. Auf jeden Fall hat hier einer dem Ehrenamt alle Ehre gemacht. Und dankt dann erstmal überschwänglich dem Sportamt für dessen Hilfsbereitschaft. Schöne Geste. Die Platten stehen. Wolfgang begrüßt das grün-weiße Trainings-Dutzend und erklärt nochmal die Corona-Regeln. Ball nicht mit der Hand aufheben. Ball und Tisch vor und nach dem Spielen reinigen. Abstand zu den anderen Spielern halten. Beim Auf- und Abbau Mundschutz tragen. Schon etwas absurd, denke ich. Am Abend des Tages, an dem begonnen wird, 12 000 Touristen gen Ballermann in pickepacke vollbesetzten Kleinstfliegern zu befördern, sollen sich 12 Tischtennisspieler in einer weiträumigen Halle an strengste Auflagen halten. Ich muss ja nicht alles verstehen. Vor allem nicht meinen Topspin. Denn jetzt geht's endlich los. Los mit vielen Fehlschlägen.
"Maradona"
Die ersten Bälle, die ich spiele, landen überall, nur nicht auf der Platte. Wolfgang trainiert seine Beinarbeit und schießt mir die fehlgeschlagenen Bälle mit dem Fuß elegant zurück. Irgendwann geht es doch. Der erste Vorhand-Topspin gelingt und später sogar einer mit der Rückhand. Ist halt wie Fahrradfahren. Einmal gelernt, nie vergessen. Nur leider habe ich Tischtennis nie richtig gut gelernt. Der Unterschied zwischen Welt- und Kreisklasse ist bei mir der Unterschied zwischen Kreisklasse B und C. Aber immerhin. Wir haben Spaß. Zumindest tut auch Wolfgang so, als hätte er mit mir Spaß. Mit seinen 67 ist er allerdings auch mehr als zehn Jahre älter als ich. Da wird man gelassener. "Maradona" ruft mir einer vom Nachbartisch höhnisch zu, als ich den kleinen Ball mit dem Fuß zurückschießen will, aber das so elegant aussieht wie Jürgen Kohler einst beim Dribbling. Gerate ins Schwitzen. Ziemlich schnell sogar. Sage noch einer, Tischtennis sei nicht anstrengend. Mich strengt es nach der langen Pause an wie ein Marathonlauf mit Mundschutz. Kenne Marathon allerdings nur aus dem Fernsehen. Auf dem Sofa. Ohne Mundschutz.
Wolfgang sieht nach einer halben Stunde Training noch so frisch wie ein Politiker in einer Talkshow aus. Ich könnte in meinen Schweiß baden. Am Ende noch ein paar Gewinnsätze. Gewinne an Erfahrung, noch mehr Schweiß und der Erkenntnis, dass meine Aufschläge irgendwann mal besser waren. Zum Abschluss noch die Platte reinigen. Der Reiniger erinnert mich dufttechnisch an irgendeinen osteuropäischen Kräuterschnaps, den mir mal ein Kumpel geschenkt hat, vermutlich um die Aspirin-Wirtschaft anzukurbeln. Das fiese Zeugs sollte alle Viren dieser Welt und ein paar wichtige Geruchsnerven locker abtöten. Die nächsten Spieler warten schon. Die Trainingsplätze sind heiß begehrt.
Streife mein Piraten-Gauner-Outfit über, schwinge mich aufs Rad. Auf zu den Goldreserven der Volksbank.

  schreibt am 18.06.2020 21:21:01:
Jetzt habe ich doch tatsächlich kurz den "Gefällt mir"-Button gesucht ;-) Schöner Bericht, Maradona!

  schreibt am 19.06.2020 11:30:40:
Aaaaaarrrr ;)

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